Vanille und Meer

VANILLE- BLOG, 07.10.2022 

Edmond `Albius`

Ein Sklavenjunge und die Vanille

Edmond wird 1829 auf der Plantage „Belle-vue“ in der Nähe von St. Suzanne auf Ile Bourbon geboren. Seine Mutter Melise, eine verschleppte Sklavin, starb bei der Geburt des Jungen. Über seinen Vater ist nichts bekannt.
 

In Sklavenschaft wächst der Kreolenjunge auf der Plantage von Fereol Bellier Beaumont auf. Der französische Kolonialherr nimmt sich Edmond an und adoptiert den Jungen. Ab sofort trägt dieser den Namen Edmond `Albius`. Eine Anerkennung, da Sklaven üblicherweise nur mit einem Vornamen bezeichnet werden. 

Edmond wächst auf der Plantage heran und erlangt praktisches Wissen über die Kultivierung gängiger Nutzpflanzen wie Banane, Zuckerrohr, Melonen. Belegt ist, dass Beaumont ihm die Befruchtung von Wassermelonen per Hand zeigt und damit unwissentlich einen entscheidenden Grundstein für die industrielle Produktion der Vanille legte.

"In dieser Pflanze (Wassermelone) kommen die männlichen und weiblichen Blüten auf verschiedenen Pflanzen vor, und ich brachte dem kleinen schwarzen Jungen Edmond bei, wie man die männlichen und weiblichen Teile zusammen heiratet ... Dieser kluge Junge hatte erkannt, dass die Vanilleblüte auch männliche Blüten hatte und weibliche Elemente und erarbeitete für sich selbst, wie man sie zusammenfügt. "

1861 Bellier-Beaumont über Edmond 

Es war mittlerweile annähernd 20 Jahre her, seit die von Philibert verbrachten Vanillepflanzen auf Reunion ankamen. Es überlebten nur noch wenige Exemplare und an eine Befruchtung war lang nicht mehr zu denken. Auf „Belle-vue“ hatte sich eine einzige Pflanze gehalten, die einen kräftigen Wurzelstock ausgebildet hatte und üppig im Wuchs war. Durch das perfekte feuchtwarme Klima in Äquatornähe musste das letzte verbliebene Exemplar üppig entwickelt gewesen sein. Was Edmond dazu trieb, sich an der Bestäubung zu versuchen ist ungewiss. Als Sklave konnte Edmond weder Lesen, noch Schreiben und somit gibt es keine schriftlichen Überlieferungen aus der Sicht des Kreolenjungen. 

Vermutlich versuchte sich Edmond geraume Zeit an der Befruchtung der Vanilleblüten, möglicherweise über mehrere Jahre. Einzelblüten waren vermutlich in Fülle vorhanden gewesen sein, aber die Blütezeit der Vanille ist extrem kurz. Genau gesagt blüht eine Einzelblüte wenige Stunden eines Vormittags im Jahr. 
Schließlich fruchteten die Versuche des Sklavenjungen und die Pflanze entwickelte Früchte.

Im Jahr 1848 ist Edmond `Albius` ein freier Mann. Zum Dank für seinen außergewöhnlichen Dienst schenkt Beaumont seinem Zögling die Freiheit. Mehr als eine Geste sollte diese Tat nicht bedeuten. Nur wenige Wochen danach wird die Abschaffung der Sklaverei in Frankreich auf Initiative von Victor Schœlcher in der Zweiten Französischen Republik am 27. April 1848 vollzogen.
Im gleichen Jahr verlässt der mittlerweile 19jährige Kreole den einzigen, ihm bekannten Ort seiner Kindheit und Jugend. Edmond lässt die Plantage „Belle vue“ hinter sich und geht nach St. Denis, der nächstgelegenen Stadt. Er findet eine Anstellung als Küchenjunge im Haus eines Offiziers in der dort ansässigen Garnison.
In Folge ereignete sich ein undurchsichtiger Raubüberfall, bei dem eine „weiße“ Dame des Hausstands verletzt wurde. Ungeachtet der tatsächlichen Schuldfrage wird Edmond als Neuankömmling und ehemaliger Sklave am Hause des Offiziers einen denkbar schlechten Stand gehabt haben. Albius wird wegen Schmuckdiebstahl zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein ehemaliger Besitzer Beaumont schrieb nach dem schicksalhaften Ereignis einen Brief an den Gouverneur, um für Edmond einzutreten. Aufgrund „seines Beitrages zum Wohlstand La Reunion“ wird Edmond nach fünf Jahren Zuchthaus vom zuständigen Friedensrichter Mèzières Lèpervanche begnadigt.

Am 09. August 1880 stirbt Edmond `Albius` mit 51 Jahren. Edmond verbringt 24 Jahre seines Lebens in Gefangenschaft, davon 19 Jahre als Sklave und 5 Jahre im Zuchthaus. Die restliche Zeit lebt er in großer Armut.
Am 26. August seines Todesjahres schreibt die ansässige Zeitung Le Moniteur: „Der Mann, der mit großem Gewinn für diese Kolonie entdeckt hat, wie man Vanilleblüten bestäubt, ist im öffentlichen Krankenhaus von Sainte-Suzanne gestorben. Es war ein mittelloses und elendes Ende“.
Auch nach dem Tod von Edmond stellt sich Bellier-Beaumont hinter Edmond und äußert bezogen auf seine Heimatinsel: „Es schuldet ihm eine Schuld, eine neue Industrie mit einem fabelhaften Produkt zu gründen“.

Bis zum Jahr 1898 exportierte Reunion bereits 200 Tonnen Vanille nach Frankreich. 

Foto: Kupferstich zeigt Edmond Albius, First published in Album de l'Ile de la Réunion (1863), Antoine Roussin 

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